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News des Hochschulinformationsbüros

INTERVIEW MIT ERNST ULRICH VON WEIZSÄCKER

„Nicht Arbeitsplätze wegrationalisieren, sondern Kilowattstunden“

Die weltweite Ressourcenproduktivität lässt sich um 75 bis 80 Prozent steigern. Das ist die Kernthese des Buches „Faktor Fünf – Die Formel für nachhaltiges Wirtschaften“ des Umweltexperten Ernst Ulrich von Weizsäcker. Ein Interview mit dem Autor über GreenTech als Jobmotor und die Aufgaben der Gewerkschaften beim Umbau der Industrie.

Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker (71) gilt als einer der einflussreichsten deutschen Umweltexperten.

??? Herr von Weizsäcker, in Ihrem Buch stellen Sie die These auf, dass sich die Effizienz im  Umgang mit Energie, Wasser und Mineralien um den Faktor Fünf verbessern lässt und gleichzeitig der Wohlstand vermehrt werden kann. Wo sehen Sie dabei den größten Entwicklungsbedarf? Wo gibt es am meisten Arbeit für Ingenieurinnen und Ingenieure?

 

In den Bereichen Mineralien und Wasser gibt es wohl am meisten zu tun. Beides wird heute in einem gigantischen Umfang vergeudet. Zum Beispiel die High-Tech-Metalle, wie Lithium und andere, haben heute Recyclingraten von nur einem Prozent oder weniger. 99 Prozent werden nach Gebrauch also einfach weggeworfen. Oder beim Wasser: Landwirte bewässern weltweit ihre Felder mit Schwemmen oder Spritzkanonen und vier Fünftel verdunstet und erreicht gar nicht die Pflanze. Mit einer Tröpfchenbewässerung könnte man den Faktor Fünf heraus kitzeln.

 

??? Die Idee zu ihrem neuen Buch entstand 2006, also rund zwei Jahre vor Ausbruch der Wirtschaftskrise. Hat die Krisensituation Sie weiter bestärkt?

 

Eindeutig. Wir waren schon schon Mitte der Neunziger Jahre, als wir unser erstes Buch „Faktor Vier“ herausbrachten, sehr kritisch gegenüber der Vergeudungswirtschaft insbesondere in den USA oder Kanada. Und die hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Bankenkrise ausgebrochen ist. Ich will Ihnen das kurz erläutern: Die Amerikaner haben sich völlig abhängig gemacht von billigem Benzin, indem sie Häuser weit außerhalb der Städte gebaut haben, die auf Pump finanziert wurden. Dadurch haben sich die Pendlerentfernungen seit den Achtziger Jahren etwa verdoppelt, so dass viele Menschen 80 Kilometer zu ihrer Arbeitsstätte pendeln mussten. Und gleichzeitig wurden Autos gebaut, die viel zu viel Sprit verbrauchen. Als das Öl teurer wurde, verloren die Häuser an Wert und die nachrangigen Hypotheken ebenso. In einer Kettenreaktion ist dann die Finanzbranche weltweit in die Knie gegangen. Ohne Billigsprit und Billigkredite wäre das Ganze nicht passiert. Aber zum eigentlichen Kern ihrer Frage: Ein grünes, ein ökologisches Wachstum ist heute weltweit nötig und möglich. Und das Potenzial, Wohlstand zu schaffen über eine ökologische, technologische Revolution ist fast unermesslich. 

 

??? Welche politischen Maßnahmen wären nötig, um den Umbau der Industrie zu gestalten?

 

Es gibt eine ganz besonders wirksame und sozial verträgliche Maßnahme, die aber politisch unpopulär ist und daher meist vergessen wird: die Verteuerung der Energie. Mit hohen Energiepreisen assoziieren wir in Deutschland Schlimmes, was aber ein historischer Irrtum ist. Die bösen Effekte der teuren Energie in den 1970er Jahren und nach 2006 hingen daran, dass unserer Wirtschaft Multimilliarden entzogen wurden und in die Ölländer flossen. Japan hat es in den 1970er Jahren schlauer gemacht. Man hat die Energie intern teurer gemacht, und so floss weniger Geld ins Ausland. Und siehe da: 15 Jahre später war Japan das industriell stärkste Land der Erde. Zwar waren Energiefresser wie Aluminiumschmelzen abgewandert, aber stattdessen hat Japan die Digitalkamera und den Superschnellzug erfunden und die fünfte Computergeneration entwickelt. Man hat auf High-Tech gesetzt, wenig energieintensiv und sehr erfolgreich auf den Weltmärkten. Hohe Energiepreise brauchen also nicht der Wirtschaft zu schaden, wenn man es richtig macht.

 

??? Und wie kann das sozial verträglich gestaltet werden?

 

Dazu haben wir im neunten Kapitel unseres Buches vorgeschlagen, die Energiepreise jedes Jahr um gerade so viel Prozent zu verteuern, wie der Energieverbrauch effizienter geworden ist. Dann steigen die Monatskosten für Einzelne nicht, aber jeder Investor, Händler und Konsument wüsste, dass es sich rentiert, in die Energieeffizienz zu investieren und die Dinosaurier aus zu mustern. Allerdings gäbe es dann immer noch ein soziales Problem, dass nämlich der Effizienzfortschritt zunächst bei den Begüterten ankommt, die sich als erste wirklich effiziente Autos und Häuser leisten können. Damit das Ganze also sozial gerecht ist, müsste man mit einem gewissen Preisnachlass für einen Grundstock an Energie, der für den Lebensunterhalt notwendig ist, gegensteuern.

 

??? Wie kann verhindert werden, dass im Zuge des Umbaus der Industrie Arbeitsplätze verloren gehen?

 

In Deutschland würden sicher ein paar Arbeitsplätze in den extrem energieintensiven Bereichen verloren gehen und abwandern. Dafür entstehen aber in anderen Bereichen mehr Arbeitsplätze entstehen. Der Bereich der Recyclingtechnologie hat beispielsweise ein großes Potenzial, zu einem hochtechnischen Komplex mit vielen Arbeitsplätzen zu werden. Es geht im Grunde also darum, nicht mehr Arbeitsplätze weg zu rationalisieren, sondern Kilowattstunden.

 

??? Welche Rolle sollten die Gewerkschaften bei diesem Umbau spielen?

 

Natürlich ist es immer die Rolle der Gewerkschaften, für soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmung und eine langfristige Sicherung von Arbeitsplätzen einzutreten. Aber sie sollten sich vermehrt auch um die Schaffung neuer Arbeitsplätze kümmern und auf den Staat einwirken, eine langfristige, von spekulativen Fluktuationen möglichst befreite Preisentwicklung zu steuern. Denn ein ganz großer Teil der Arbeitsplatzverluste geschieht durch spekulative Ausschläge. Daneben sollten sich die Gewerkschaften noch mehr als bisher international verknüpfen und eine weltweite Strategie des "grünen Wachstums" betreiben. Denn letzten Endes ist das für die Arbeitnehmer überall günstig.

 

??? Sie schreiben in Ihrem Buch, dass neben den politischen Maßnahmen wie der Ökosteuer auch ein kultureller Wandel nötig ist. Was bedeutet das?

 

In einem reichen Land wie Deutschland kann man sich eine Stabilisierung von Wachstum vorstellen. Lebensfreude und Genuss sind nicht immer zusätzlicher Konsum, vor allem nicht zusätzlichem Energiekonsum. Mitbestimmungssitzungen, Skatspielen oder Musizieren verbrauchen praktisch überhaupt keine Energie und schaffen trotzdem Freude.

 

??? Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Zur Person

Der Chemiker und Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker war unter anderem Präsident der Universität Kassel und des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie, außerdem SPD-Bundestagsabgeordneter. 2008 bekam er den Deutschen Umweltpreis verliehen. Zur Zeit leitet er eine Kommission des UN-Umweltprogramms UNEP zum Ressourcenschutz.

 

 

Im März ist sein Buch „Faktor Fünf – Die Formel für nachhaltiges Wachstum“ im Droemer-Verlag erschienen (zusammen mit K. Hargroves und M. Smith). Preis: 19,95 €.

 

 

Erschienen in: "Die Schnittstelle - Informationen der IG Metall für Studium und Beruf" Nr. 9

 

Termine

20.04.2012 - 22.04.2012
Seminar "Studium gekonnt meistern"
23.07.2012 - 25.07.2012
Seminar "Vom Beruf ins Studium"
Junge Generation - Übergänge schaffen

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