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News des Hochschulinformationsbüros

INTERVIEW MIT HELGA SCHWITZER

Der "Schweinezyklus" droht

Helga Schwitzer warnt in ihrem Interview mit der "Schnittstelle" davor, dass die derzeitige Krise den Fachkräftemangel noch verstärken wird. Sie fordert von den Unternehmen, mit intelligenten Maßnahmen der Beschäftigungssicherung ihre Fachkräfte zu halten, dazu von der Politik Maßnahmen, um die hohen Abbrecherquoten in den Ingenieurstudiengängen zu senken.

Helga Schwitzer ist seit 2007 Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes der IG Metall. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die IT- und Elektroindustrie, Tarifpolitik sowie die Frauen- und Gleichstellungspolitik.

??? Es heißt immer „Krisenzeit ist Forschungszeit“. Wird in den Betrieben kräftig in Forschung und Entwicklung investiert?

 

Das ist gegenwärtig leider gar nicht der Fall. Stattdessen erleben wir, daß F&E-Budgets gekürzt oder eingefroren werden. Es gibt in vielen Unternehmen Einstellungsstopps.

Die sogenannten Entwicklungsdienstleister, also die Leiharbeitnehmer und Werkverträgler, wurden in großer Zahl entlassen.

 

??? Spiegelt sich das auch in den Einstellungszahlen von jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren wider, die direkt von den Hochschulen kommen?

 

Ja, die Einstellungszahlen sind deutlich rückläufig und das hat wiederum Auswirkungen auf die Studienzahlen. Die Bereitschaft, ein Ingenieursstudium aufzunehmen, lässt wieder nach.

Es droht der gleiche Fehler wie bei der Krise in den 1990er Jahren: Damals ist die Zahl der Ingenieursstudierenden um fast die Hälfte zurückgegangen. Der berüchtigte ‚Schweinezyklus’ droht, sich wieder bemerkbar zu machen.

 

??? Ein Einstellungsstopp kann ja auch bedeuten, verstärkt auf Werkverträge zu setzen.

 

Tatsächlich besteht die Gefahr, dass die Zahl der Werkverträge und Leiharbeitsverhältnisse nach der Wirtschaftskrise größer ist als davor. Schon heute herrscht hier ein richtiger Wildwuchs.

Selbst Betriebsräte wissen oft nicht, wie viel prekäre Beschäftigungsverhältnisse sich an ihren Standorten finden. Auch der Inhalt der Arbeitsverträge ist oft unbekannt. In dieser Grauzone möchten die Arbeitgeber und ihre Verbände Leiharbeit und Werkvertrag gerne belassen. Sie profitieren schließlich davon.

 

??? Welche Lösungsansätze gibt es, um jungen Ingenieuren und Ingenieurinnen den Berufseinstieg zu erleichtern?

 

Kluge Landesregierungen bauen gemeinsam mit den Arbeitsagenturen, den Gewerkschaften und den Arbeitgebern Beschäftigungsbrücken von den Unis in die Unternehmen. Ein Beispiel ist Baden-Württemberg. 500 Absolventinnen und Absolventen bekommen hier eine befristete Anstellung an einer Hochschule und erhalten 1.500 Euro im Monat. Voraussetzung ist, dass Firmen und Professoren gemeinsame Technologietransfer-Projekte starten. Solche Modelle sind vorbildlich, denn sie helfen, den Einstellungsstopp in den Betrieben zu überbrücken.

Auch die Bundesagentur für Arbeit ist noch einmal tätig geworden. Sie stellt zusätzlich 250 Millionen Euro bereit, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

 

??? Siehst Du denn für den hoffentlich kommenden Aufschwung einen Fachkräftemangel wie in den 90ern auf uns zukommen?

 

Ich kann da einer Landeschefin der Agentur für Arbeit nur zustimmen. Sie betont, dass langfristig nicht die Krise die Unternehmen beschäftigen wird, sondern der Fachkräftemangel. Die Arbeitgeber bejammern ihn ja gebetsmühlenartig. Dabei liegt es in ihrer Hand, mit intelligenten Maßnahmen der Beschäftigungssicherung ihre Fachkräfte zu halten, um nicht in Zeiten des Aufschwungs händeringend nach ihnen zu suchen.

Die IG Metall steht für solche tariflichen Lösungen natürlich jederzeit zur Verfügung. Was wir zusätzlich dringend brauchen, sind bildungspolitische Maßnahmen, um die hohen Abbruchquoten bei den Ingenieursstudiengängen zu senken. Außerdem will die IG Metall Facharbeitern/-innen und Technikern/-innen den Zugang zum Ingenieursstudium erleichtern.

 

??? Rechnest Du damit, dass dadurch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verstärkt unter Druck gesetzt werden z.B. unbezahlt mehr zu arbeiten? Und könnten auch Werkverträge für Hochqualifizierte noch mehr als jetzt schon zum Thema werden?

 

Was die Stammbelegschaften angeht werden wir uns gemeinsam mit unseren Betriebsräten zur Wehr setzen. Und dort, wo wir gut organisiert sind, wird uns die Gegenwehr auch gelingen.

Was die prekären Jobs für Hochqualifizierte angeht, können wir diese nur zurückdrängen, wenn uns die Betroffenen auch ein Mandat dafür geben, sprich Mitglied der IG Metall werden. Das ist ein Lernprozess, der auch akademischen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen nicht erspart bleiben wird. Argumente werden nur wahrgenommen, wenn sie von starken, und das heißt letztendlich von mitgliederstarken Institutionen vorgetragen werden.

Die Argumente gegen prekäre Arbeit können noch so gut begründet sein. Ohne diese organisatorische Verstärkung werden sie im politischen Raum nicht gehört.

 

Das Interview ist erschienen in der achten Ausgabe der "Schnittstelle - Informationen der IG Metall für Studium und Beruf".

 

Termine

20.04.2012 - 22.04.2012
Seminar "Studium gekonnt meistern"
23.07.2012 - 25.07.2012
Seminar "Vom Beruf ins Studium"
Junge Generation - Übergänge schaffen

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