MBA für Ingenieure

15.01.2018 | Wirtschaftswissenschaftliches Know-how kann hilfreich sein, um den nächsten Schritt auf der Karriereleiter zu machen. Ob sich die Investition in ein teures und weiterbildendes Studium lohnt, hängt allerdings von vielfältigen Faktoren ab.

Foto: Panthermedia/ Jasmin Merdan

Janusz Sendel

Frank Wehe

Lutz Schwalbach ist Maschinenbauingenieur. Doch wirtschaftliche Fragen interessierten ihn schon immer und als er nach seinem Studium im Einkauf eines Geräteherstellers tätig war, packte ihn der Wunsch, mehr über den Vertrieb zu erfahren. Also entschied er sich für ein Fernstudium im Bereich Vertriebsingenieurwesen und sattelte anschließend an der Hochschule Kaiserslautern noch den MBA in Marketing & Sales auf, der ihm auch einen Auslandsaufenthalt in Budapest ermöglichte. Von BWL über VWL bis zu Kommunikation und wissenschaftlichem Arbeiten konnte Lutz Schwalbach hier neue Themenbereiche ergründen und Kontakte zu interessanten Kommilitonen knüpfen. Das war ihm so wichtig, dass er dafür seine Freizeit und seine Ersparnisse investierte. „Für mich war der MBA ein Hobbyprojekt und eine große persönliche Bereicherung, aber kein Karrierefaktor“, betont Lutz Schwalbach. Tatsächlich unterstützte sein Arbeitgeber die Weiterqualifizierung nicht und der erfolgreiche Abschluss führte für ihn zu keiner Möglichkeit des beruflichen Aufstiegs. 

Kein Garant für den beruflichen Aufstieg

Was für Lutz Schwalbach von Anfang an klar und völlig in Ordnung war, kann für manch einen Ingenieur und manch eine Ingenieurin eine sehr unangenehme Überraschung sein: Denn obwohl viele Anbieter ihre kostenintensiven postgradualen Management-Studiengängen als Karriere-Push bewerben, ist der Master of Business Administration (MBA) bei weitem nicht für alle Ingenieure, die sich beruflich weiterentwickeln möchten, eine empfehlenswerte Option. „Die Menschen sind Jäger und Sammler und neigen dazu, sich ohne Sinn und Verstand irgendwelche Qualifikationen anzueignen. Wenn das Wissen aber mittelfristig nicht eingesetzt werden kann, veraltet es.  Deshalb rate ich von einem MBA ab, wenn es nicht die plausible Wahrscheinlichkeit und idealerweise sogar klare Signale dafür gibt, dass die Person eine entsprechende Position im Unternehmen erreichen kann. Besonders wichtig ist es, sich nicht aus der Arbeitslosigkeit heraus für solch ein Programm zu entscheiden“, betont Christoph Boldt, der sich als Berater beim Dortmunder Weiterbildungsforum e.V. auf Fragen der beruflichen Entwicklung und Karriereplanung spezialisiert hat.

Ingenieure, die sich aus einer Anstellung heraus für die Weiterqualifizierung interessiere, sollten zunächst prüfen, ob die Unternehmensleitung oder die Führungskräfte ihnen eine Leitungsposition überhaupt zutrauen: „Viele Entscheidungsträger in Unternehmen können sich – insbesondere sehr spezialisierte – Techniker nicht in einem Aufgabenbereich vorstellen, der betriebswirtschaftliches Know-how erfordert. Unabhängig davon, ob diese Einschätzung richtig oder falsch ist, wird der MBA zu keinem beruflichen Aufstieg führen, wenn diese Personen Ihr Potential nicht erkennen“, warnt Christoph Boldt. Besonders gute Chancen auf einen Aufstieg nach abgeschlossenem MBA haben seiner Erfahrung nach Ingenieure und Ingenieurinnen im Alter bis etwa 42 Jahren, die sich aus mittleren Management-Positionen heraus in Richtung operativer oder strategischer Positionen im höheren Management orientieren. In Unternehmen, die vielschichtig produzieren, seien die Chancen mit MBA zudem besser als in hochspezialisierten Betrieben, in denen auch das strategische Management von Fachleuten aus dem Produktionsbereich besetzt ist.

Karriere im eigenen oder einem anderen Unternehmen

Das Beispiel von Janusz Sendel (31) bestätigt diese Einschätzung. Er hatte Product Engineering an der Hochschule Furtwangen studiert und über seine Bachelorarbeit im Plant Controlling den Einstieg in das R&D Controlling bei der Continental Automotive GmbH am Standort Villingen geschafft, als er nach fünf Jahren den Wunsch hatte, den Master in Sales & Service Engineering draufzusetzen: „Ich hatte im Arbeitsalltag gemerkt, dass ich lieber an strukturellen Lösungen arbeite anstatt an operativen Themen, die sich auf das Tagesgeschäft beziehen. Der MBA passte da sehr gut, weil er auf die eigenständige Erarbeitung von Projektarbeiten ausgerichtet ist“, erzählt der Ingenieur. Sein Vorgesetzter sagte ihm zwar, für eine weitere Karriere sei ein MBA nicht zwingend notwendig, doch er bot ihm dennoch seine Unterstützung an und übernahm auch die Hälfte der Kosten für den berufsbegleitenden Aufbaustudiengang. Janusz Sendel übergab seinen Aufgabenbereich an eine Nachfolgerin und stieg direkt im Anschluss an den MBA auf, so dass er jetzt dem Entwicklungsleiter zuarbeitet und eine kleine Abteilung leitet. Auch inhaltlich profitiert er von dem, was er an der Hochschule gelernt hat: „Im Master ging es um neue Businessmodelle, die dazu führen, dass Firmen ihre Leistung nicht mehr als Produkt, sondern als Dienstleistung anbieten. Genau diesen Ansatz verfolgt jetzt auch mein Unternehmen“, erzählt er. Aber auch von Modulen zu Projektmanagement und von vertiefendem Wissen zur Kostenrechnung habe er profitiert, zumal viele der Hochschuldozenten als Abteilungsleiter großer Unternehmen tätig sind und somit praxisnahe Einblicke liefern konnten.

Auch der Diplomingenieur Frank Wehe (36) hätte von seinem Arbeitgeber, einem mittelständischen Logistikunternehmen, Unterstützung darin bekommen, den MBA in Unternehmensführung/Finanzmanagement an der Hochschule Koblenz zu absolvieren. Doch er wollte sich nicht an das Unternehmen binden und setzte seinen Plan deshalb auf eigene Faust um. Tatsächlich wurde er nach seinem Abschluss von mehreren großen Unternehmen in seiner Region zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Er entschied sich für eine Stelle im Geschäftsbereich Elektromobilität der Deutschen Post AG mit der mittelfristigen Absicht eine Führungsposition inne zu haben. „Die Leitungspositionen sind hier oft von Personen besetzt, die vorher im Consultingbereich tätig waren. Aber für mich hat es sich schon gelohnt, den Schritt in diesen Großkonzern geschafft zu haben. Ausschlaggebend waren dafür sowohl meine Kenntnisse in der Fahrzeugtechnik als auch das wirtschaftliche und unternehmerische Know-how, obwohl ich das Wissen aus der Vertiefungsrichtung Unternehmensführung/Finanzmanagement in der Arbeitspraxis derzeit nur begrenzt einsetzen kann“, sagt Frank Wehe. Interessierten Ingenieuren, die eine höhere Stelle im Unternehmen erreichen wollen, empfiehlt er den Schritt zum MBA – allein weil man Basiswissen der Betriebswirtschaft intensiviert und je nach angebotenen Vertiefungsrichtungen ein gesamtheitliches Bild von Unternehmensführung erhält. Zudem profitiere man von dem Netzwerk und dem bilateralen Austausch mit anderen Personen, die einen ähnlichen Weg einschlagen wollen.

Kriterien für die Studiengang- und Anbieterwahl

Die meisten empfehlenswerten MBA-Programme, die sich explizit an Ingenieure richten, sind laut Christoph Boldt auf die technische und anwendungsorientierte Betriebswirtschaftslehre ausgerichtet: „Sie kombinieren Wissen in den Bereichen Produktions- und Produktionskettensteuerung, vermitteln aber auch Zeitmanagementmethoden. Wenn diese Inhalte mit Personal- und Führungskräftemanagement verknüpft werden, ist das besonders hilfreich – gerade für diejenigen, die eine Leitungsposition in der Entwicklung übernehmen wollen.“ Wenn ein Ingenieur sich eher in eine strategische Position entwickeln wolle, könne es auch sinnvoll sein, sich vertieft mit Wirtschaftstheorien und Managementmethoden sowie ggf. dem Führungsmanagement zu befassen. Studiengänge, die dieses Wissen vermitteln, richten sich zwar in der Regel nicht explizit an Ingenieure, sondern beispielsweise auch an BWLer oder Absolventen ohne eine entsprechende Spezialisierung. Aber gerade auch Techniker und Technikerinnen können davon profitieren. „Viele Ingenieure konzentrieren sich auf Systeme und rationale Bedingungen, kennen die menschlichen Aspekte ihrer Arbeit aber nicht so gut, so dass sie diese unterschätzen oder nicht richtig einkalkulieren. Deshalb sind MBA-Programme, die den Fokus auf organisationspsychologische Aspekte legen, für Unternehmen Gold wert“, meint Christoph Boldt.

Bei der Wahl des Anbieters sollten Interessenten darauf achten, dass eine Akkreditierung vorliegt. Im Zweifel kann es interessant sein, von externen Experten erstellte Fachgutachten zu lesen, die Rückschlüsse auf die Qualität der Programme zulassen. In den USA ist der MBA bei Ingenieuren laut Christoph Boldt noch deutlich verbreiteter als hierzulande: „In Deutschland definieren sich viele Ingenieure über ihren technischen Sachverstand und entscheiden sich deshalb für den Doktortitel. In den USA ist das anders, weil die Promotion dort häufig an längere Forschungsphasen geknüpft ist, die oft nicht berufsbegleitend absolviert werden können“. Wenn Ingenieure für eine entsprechende Position in ihrem Unternehmen in Frage kommen, bieten die Vorgesetzten in der Regel interne Aufstiegsweiterbildungen oder auch die finanzielle Förderung eines MBA an. Doch wie die Beispiele von Frank Wehe und Lutz Schwalbach zeigen, kann es je nach individueller Motivation durchaus auch sinnvoll sein, ein solches Angebot abzulehnen oder die Kosten von vornherein aus eigener Tasche zu zahlen.

Hinweis: Wer sich für die gewerkschaftliche oder betriebspolitische Arbeit interessiert, sollte die Arbeit der Academy of Labour in Frankfurt am Main im Blick behalten. Neben dem bereits laufenden Bachelorstudiengang „Business Administration – Personal und Recht“ plant diese Institution nämlich die Einführung eines MBA, der sich an Betriebs- und Personalräte, Gewerkschaftssekretäre sowie an Mitbestimmung und Arbeitsbestimmung interessierte Personaler richtet.

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