Umgang mit kulturellen Unterschieden

21.11.2017 | Ob im Studium oder im Beruf, in der Wissenschaft oder in der Wirtschaft, im In- oder im Ausland – Ingenieurinnen und Ingenieure müssen sich mit anderen Kulturen auseinandersetzen. Für die Herausforderungen, die diese Begegnungen mit sich bringen, sollten sie sich frühzeitig fit machen.

Team Teamwork Togetherness Collaboration Concept

Made in Germany – das galt lange überall in der Welt als Qualitätssiegel. Deutsche Ingenieure standen und stehen im Ausland für Werte wie Präzision, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und viele Technikerinnen wachsen hierzulande in die Überzeugung hinein, eine außergewöhnlich hochwertige fachliche Ausbildung zu erfahren. Problematisch kann das werden, wenn dieses Selbstbewusstsein zu einer Abwertung von anderen Fächern und Kulturen führt. Denn im Berufsalltag haben deutsche Ingenieure eben gewöhnlich nicht nur mit Ihresgleichen zu tun. „Nicht erst seit der Industrie 4.0 finden technische Entwicklungs- und Produktionsprozesse an Hochschulen, in groß-industriellen Unternehmen und bei Mittelständlern international statt.

Der Abstimmungsbedarf bringt große kommunikative Anforderungen mit sich, nicht nur in Hinblick auf Fremdsprachen, sondern vor allem in Hinblick auf die kulturellen Spielregeln im Umgang miteinander. Wenn deutsche Ingenieurinnen dafür nicht sensibilisiert sind, treten sie im internationalen Kontext in viele Fettnäpfchen“, betont Susanne Ihsen, Professorin für Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften an der Technischen Universität München. Zudem ist die Arbeit von Ingenieuren durch die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Länder und Kulturen bestimmt, mit denen sie zu tun haben. „Wer Elektronikgeräte für den chinesischen Markt produziert, muss wissen, dass Backöfen dort nicht gebräuchlich sind, sondern nur Mikrowellen. Und wer im südlichen Afrika einen Brunnen bauen möchte, der nur über ein Podest erreichbar ist, sollte darüber Bescheid wissen, wenn es Frauen in der dort verbreiteten Kultur verboten ist, ihre Beine zu zeigen – dann sonst wird das Produkt voraussichtlich später nicht genutzt werden“, erklärt Carmen Leicht-Scholten, Professorin für Gender und Diversity in den Ingenieurwissenschaften an der Fakultät für Bauingenieurwesen der RWTH Aachen.

Vielfalt vor der eigenen Haustür

Auch innerhalb der deutschen Grenzen sind Ingenieurinnen vor interkulturelle Herausforderungen gestellt. Unter den Mitarbeitern in der Produktion der Duisburger ThyssenKrupp Steel AG beispielsweise sind nicht nur Menschen tätig, die in Deutschland geboren wurden, sondern auch solche, die als Kinder von zum Beispiel türkischen Mitarbeitern nach Deutschland gekommen sind. Und das führt immer mal wieder zu Konflikten. „Wir als Betrieb respektieren es beispielsweise, wenn ein Moslem im Ramadan fünfmal täglich beten möchte. Allerdings kann das bei Nicht-Muslimen zu Unmut führen, wenn sie das Gefühl haben, die Person drücke sich damit vor der Arbeit. In solchen Situationen gilt es, respektvoll ins Gespräch zu kommen und auszuloten, wie die Gruppe mit Unterschieden umgehen kann“, betont Annegret Finke von der IG Metall-Vertrauenskörperleitung.

Hintergrund der Schwierigkeiten sei häufig, dass die verschiedenen kulturellen Gruppen außerhalb des Betriebs wenig Berührungspunkte haben: „Schon bei einer Versammlung nach dem Attentat in New York am 11. September 2001 berichteten Vertrauensleute von einer Kluft zwischen den ‚Biodeutschen‘ und den Mitarbeitern mit Migrationshintergrund, die auf einer gesellschaftlichen Angst vor so genannten Schläfern basierte. Die gesellschaftlichen Gruppen hatten sich aber auch dadurch voneinander entfernt, dass Deutschstämmige aus den gemeinsamen Wohnbezirken weggezogen waren und viele Menschen mit Migrationshintergrund vor allem türkische Medien nutzten. Nach dem Zuzug der vielen Geflüchteten in den Jahren 2015 und 2016 beobachten wir jetzt, dass die rechtspopulistische AfD bei den letzten Wahlen in Duisburg, wo wir mit 13.000 Beschäftigten angesiedelt sind, fast fünfzehn Prozent erzielen konnte. Es ist auch die Verantwortung der Ingenieurinnen und der anderen Führungskräfte in unserem Betrieb, mit dieser Situation umzugehen“, sagt Annegret Finke.

Herausforderungen und Konflikte

Dass Konflikte auch in einem kleinen Betrieb auftreten können, weiß der Ingenieur Mathias Kaiser. Er beschäftigt in seinem Ingenieurbüro gezielt Auszubildende mit Migrationshintergrund. „Natürlich muss ich als Unternehmer viel Geld und Zeit investieren, um beispielsweise Geflüchtete aus Syrien oder Ruanda auszubilden. Dieses Engagement wird nicht subventioniert und ich trage das unternehmerische Risiko, wenn mich dieser Mitarbeiter beispielsweise mit seinem schlechten Schriftdeutsch bei einem Kunden blamiert“, sagt er. Nebenbei ist Mathias Kaiser zudem als Hochschullehrer tätig. Und auch der Umgang mit internationalen Studierenden stellt ihn vor Herausforderungen: „Ich habe erlebt, dass die Leistungen einer Studentin aus dem Irak stark nachließen, nachdem sie zwei Kinder zur Welt gebracht hatte. Als ich sie bat, ihre Bachelorarbeit nachbessern zu lassen, musste ich mir von ihr vorwerfen lassen, sie als ausländische Frau zu diskriminieren.

In solchen Situationen kann es schwer fallen, sachlich zu bleiben anstatt sich emotional zu ereifern“. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch zahlreiche Beispiele von Menschen, die tatsächlich aufgrund ihres vermeintlichen Anders-Seins in Studium und Beruf Diskriminierungen erfahren. Gerade dann, wenn eine Person mehr Status innehat als eine andere Person oder wenn sogar ein Abhängigkeitsverhältnis besteht, können kulturelle Unterschiede auf beiden Seiten zu Vorurteilen und Stereotypisierungen führen, was wiederum Konfliktpotential birgt.

Innovation durch Diversität

Doch die kulturelle Vielfalt in Unternehmen und Hochschulen führt nicht nur zu Konflikten und Ausgrenzung, sondern sie bietet auch große Chancen und Potentiale. Die IG Metall-Vertrauenskörperleitung der Duisburger ThyssenKrupp Steel AG beispielsweise bildet im Unternehmen seit vielen Jahren ehrenamtliche Kulturmittler aus, die aufkommende Konflikte sensibel wahrnehmen und – ggf. mithilfe des Betriebsrats – Unterstützung organisieren sollen. Die speziell dafür entwickelten einwöchigen Fortbildungen sollen aber auch dazu dienen, unter den Mitarbeitern die Neugier für andere Kulturen zu wecken und sich über die Hintergründe und Wurzeln unterschiedlicher Verhaltensweisen auszutauschen. „Wir beschäftigen uns mit entwicklungspsychologischen Erkenntnissen über den Umgang mit dem Fremden, sprechen aber auch konkret darüber, warum es für manche Gruppen normal ist, durch eine offene Haustür zu marschieren und auf einen Tee eingeladen zu werden, während der Wohnraum in einer anderen Gruppe heilig ist. Wir vergleichen die Sprichwörter, die in den verschiedenen Kulturen verbreitet sind und reflektieren in Rollenspielen, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten würden“ erklärt Annegret Finke. Das Interesse an den Seminaren sei so groß, dass es immer noch Wartelisten gebe.

Solch eine systematische Auseinandersetzung kann Mathias Kaiser in seinem kleinen Betrieb nicht leisten. Dennoch ist er überzeugt, dass alle Mitarbeiterinnen von der Vielfalt innerhalb seiner Belegschaft profitieren: „Wir ziehen nicht nur eine Befriedigung daraus, dass wir unsere Projekte gut machen und unser Geld verdienen, sondern es ist auch unglaublich stabilisierend, motivierend und bereichernd für uns, tagtäglich junge Menschen für ein selbstbestimmtes Leben zu sozialisieren und qualifizieren. Es schult die Empathie meiner Mitarbeiter und hält sie wach, wenn sie diese Auszubildenden, die ganz anders geprägt sind als deutsche Abiturienten, in ihren Arbeitsalltag einbeziehen.“ Damit Unternehmen und Hochschulen auch fachlich von der Vielfalt ihrer Mitarbeiter profitieren können, ist laut Prof. Dr. Susanne Ihsen eine besondere Form der Offenheit nötig: „Vielfältige Menschen mit vielfältigen Kompetenzen können ihr Potential nicht vollständig entfalten, wenn von ihrer Arbeit ein festgelegter Outcome erwartet wird. Wenn aber statt Fehlervermeidung tatsächlich Kreativität und Mut zum Fehlermachen gefordert ist, können sie etwas Neues entwickeln.“ Gerade im Bereich Programmierung, Digitalisierung und Robotik gebe es viele Projekte und studentische Wettbewerbe wie Formula Student, bei denen durch Vielfalt neue Ideen entstehen.

Den Umgang mit Vielfalt lernen

Das Studium bietet angehenden Ingenieuren zahlreiche Möglichkeiten, sich im Umgang mit kultureller Vielfalt zu üben – etwa durch Auslandspraktika, Austauschsemester und internationale Projekte, die zum Beispiel an Lehrstühlen oder von Organisationen wie „Ingenieure ohne Grenzen“ angeboten werden. Interkulturelle Kontakte an den Heimathochschulen bieten ebenso Reibungspunkte und Lernmöglichkeiten. Vielerorts haben Studierende die Möglichkeit, frisch aus dem Ausland angereiste Kommilitoninnen als Buddys beim Ankommen an der deutschen Hochschule zu unterstützen, wobei sie Vieles über die fremde und die eigene Kultur lernen können, was ihnen neu ist oder bis dahin vielleicht nicht bewusst war. Kulturelle Unterschiede fließen auch in die fachlichen Lehrveranstaltungen ein, wie Mathias Kaiser am Beispiel der Raumplanung illustriert: „Ein Thema wie Raumplanung ist stark von den historischen Entwicklungen geprägt, die in einer Region stattgefunden haben. Je nachdem, ob sie aus dem Ruhrgebiet oder aus Berlin, aus Polen oder den USA kommen, bringen Wissenschaftler und Studierende unterschiedliche Erfahrungshintergründe mit, auf die sie zurückgreifen können. Das wird in den Seminaren sehr deutlich, wenn sich beispielsweise herausstellt, dass Studierende als Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene nach Deutschland migriert sind und von ihren Eindrücken aus einem anderen Land und einer anderen Region berichten können.“

Vergleiche und Vorbilder

Schließlich bieten viele Hochschulen auch spezielle Seminare an, die den Umgang mit kultureller Vielfalt schulen sollen. So gibt es an der RWTH beispielsweise in den Ingenieurwissenschaften eine Lehrveranstaltung zum Thema Innovationskultur, in der Carmen Leicht-Scholtenihren Studierenden den Einfluss von Diversität auf die Arbeit von Ingenieuren nahebringt. „Scheitern etwa wird in der deutschen Unternehmenskultur gesellschaftlich sanktioniert. In den USA dagegen wird Scheitern als wichtiger Teil einer StartUp-Kultur betrachtet. Wenn eine Person dort also vergeblich versucht hat, ein Unternehmen aufzubauen, spricht man ihr die Möglichkeit zu, an den eigenen Fehlern zu wachsen. Je vielfältiger die Studierendenschaft ist, desto interessanter werden die Diskussionen über Identitätsbegriffe und Ingenieurkulturen, die anhand solcher Beispiele geführt werden“, sagt die Professorin.

Für kulturelle Spielregeln sensibilisieren

Dr. phil Lilian Vázquez Sandoval ist an der Beuth Hochschule für Technik Berlin tätig und legt in ihren Seminaren zur Interkulturellen Kompetenz großen Wert darauf, ihre Studierenden beispielsweise in Simulationsspielen für kulturelle Unterschiede zu sensibilisieren: „Die Studierenden sollen gemeinsam eine Brücke bauen, nachdem sie in Gruppen verschiedene Verhaltensregeln bekommen haben, von denen die jeweils anderen Gruppen nichts wissen. Anfangs führt das zu Missverständnissen und Konflikten, die dann im Nachgang reflektiert werden können“. Häufig merkt die Dozentin, dass die Ingenieurstudierenden im Laufe des Seminars auch die eigenen Vorurteile gegenüber ihrem sozialwissenschaftlichen Fach abbauen: „Tatsächlich denken viele vorher, Kommunikation sei kein echtes Problem, da könne man sich schon irgendwie durchwurschteln – bis sie im Seminar eines Besseren belehrt werden.“

Gruppen durchmischen und Vorbilder benennen

Ihre Kollegin Prof. Dr. Gudrun Kammasch ist als Beauftragte für internationale Studierende an der Beuth Hochschule für Technik tätig, engagiert sich in zahlreichen internationalen Kooperationen und Konferenzen, die die Ingenieurbildung betreffen, und entwickelt im Rahmen von Projekten der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) Curricula in Afrika und Zentralasien. In Bezug auf die Labordidaktik hält sie es für wichtig, die Gruppen gut zu durchmischen und die Kulturen aller Studierenden wertzuschätzen.

Das Labor sei von Beginn an das Herzstück der Ingenieurbildung. Und gerade dort ließen sich eng ineinander verflochten personale und fachliche Kompetenzen ausbilden: „Es bringt niemanden weiter, darüber zu diskutieren, wie eine Person sich verhält, die in China oder in Brasilien aufgewachsen ist. Um zu einem wirklichen kulturellen Verständnis zu kommen, ist es wichtig, sich mit der Geschichte und der Identität der Menschen zu befassen. Deshalb weise ich nicht nur auf deutsche Vorbilder wie die Humboldt-Brüder hin, sondern beispielsweise auch auf großartige islamische Wissenschaftler wie Abu Ali ibn Sina. Wenn ich meinen Studierenden in diesem Zusammenhang sage, dass sie an eine großartige Tradition anknüpfen, dann merke ich gleich, wie die Herzen aufgehen und die Brüste der arabischen Studierenden vor Stolz anschwellen. Dadurch fühlen sich alle Studierenden herausgefordert, sich im Laufe des Studiums zu beweisen“.

Hinweis: Die Ingenieur-Pädagogische Wissenschaftsgesellschaft bietet im kommenden Jahr eine Tagung zum Thema Diversität und kulturelle Vielfalt an: www.ipw-edu.org/tagungen/

Drucken Drucken