Warum die Debatte für Gewerkschaften und Betriebsräte wichtig ist

Künstliche Intelligenz

19.11.2020 | Digitalisierung, Industrie 4.0, künstliche Intelligenz (KI), Robotic-Process-Automation (RPA): es gibt viele Versuche, den Wandel der Arbeitswelt zu beschreiben. In der gesellschaftlichen Debatte werden vor allem allgemeine Zukunftsszenarien skizziert. Dabei haben Digitalisierungsphänomene, wie Anwendungen künstlicher Intelligenz, längst Einzug in den Alltag vieler Unternehmen gehalten.

Foto: Jelca Kollatsch

Die öffentliche Diskussion rund um den digitalen Wandel der Arbeitswelt ist bislang von einer Verdrängungsrhetorik geprägt. Zitiert werden vor allem Studien, die von großflächigen Arbeitsplatzverlusten ausgehen. Unternehmen versprechen sich bei der Einführung und Verstärkung von Digitalisierungsprozessen, insbesondere der Anwendung von KI oder RPA in erster Linie Produktivitätssteigerungen.
Doch was meinen die Begriffe eigentlich? Künstliche Intelligenz (KI) oder, in Englisch, Artificial Intelligence (AI), ist ein Fachgebiet der Informatik. Es geht dabei um die Frage, wie Computer und Roboter Probleme lösen können, für die normalerweise menschliche Intelligenz benötigt wird. Zurzeit sind einige Anwendungen im Umlauf, die sich mit dem Begriff KI schmücken, aber weit davon entfernt sind intelligent zu sein. Robotic-Process-Automation hingegen, bezeichnet die Automation von sich wiederholenden, standardisierten Aufgaben. Während bei der KI vor allem die Interaktion zwischen Menschen und eingesetzter Technik eine entscheidende Rolle spielt, geht es bei der RPA vor allem um die Adaption und Wiederholung von meist monotonen Arbeitsschritten.

Dass das Thema KI und RPA eine wichtige Rolle in den Unternehmen spielt, zeigt eine Studie des Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO): so beschäftigen sich 75 Prozent der befragten Betriebe aktuell mit Fragestellungen zu Künstlicher Intelligenz. In 16 Prozent der Betriebe kommen praktische KI-Anwendungen zum Einsatz. Im Organisationsbereich der IG Metall findet KI und RPA etwa beim Mitarbeiterservice von Personalabteilungen (Chatbots), beim Prüfen von Anträgen und Verträgen, in der Wartung und in der Qualitätsprüfung Anwendung. Auch in der Automobilindustrie kommt bei der Erforschung teilautonomen Fahrens KI zum Einsatz.

Während für die Unternehmen bei der Einführung von KI-Systemen Profitabilität das entscheidende Kriterium ist, ergeben sich für Arbeitnehmer*innen und der Gesellschaft andere Fragen: Wie verändert künstliche Intelligenz die Organisation von Arbeit? Können Tätigkeiten durch digitale Anwendungen verdrängt werden? Inwiefern verändern sich Qualifikationsanforderungen an Mitarbeiter*innen? Wie sieht es mit dem Schutz von Daten und anderen grundlegenden Rechten aus? Für die IG Metall geht es bei der Einführung und Anwendung also im Kern darum, unter digitalen Vorzeichen gute Arbeit für alle Beschäftigten durchzusetzen.

Festzuhalten ist, dass in der Anwendung von KI aus Sicht der IG Metall viele Vorteile liegen. KI-Systeme können und sollen die Menschen bei der Arbeit unterstützen, ihre Fähigkeiten erweitern, sie von repetitiven, Aufgaben befreien und anspruchsvollere Tätigkeiten ermöglichen. Um diese Ziele im Blick zu behalten, bietet das deutsche System der Mitbestimmung einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Die Mitbestimmung bietet die Chance, neue Technologien datensicher und mit großer Akzeptanz auf Seiten der Beschäftigten einzusetzen. Letzteres wird erleichtert, wenn die Beschäftigten über Betriebsräte oder Vertrauensleute aktiv in Veränderungsprozesse eingebunden sind und Verbesserungsvorschläge anbringen können.

Für eine erfolgreiche Digitalisierungsstrategie ist es ebenso wichtig, die Beschäftigten ausreichend zu qualifizieren. Der Betriebsrat hat die Möglichkeit, die Erhebung des Bildungsbedarfs und durchzuführende Qualifizierungsmaßnahmen einzufordern und mitzugestalten. In jedem Betrieb sollte es auf Basis der ermittelten Qualifikationsbedarfe eine entsprechende Betriebsvereinbarung zur Qualifizierung geben. Darüber hinaus wird es nötig sein, Ausbildungs- und Weiterbildungskonzepte weiter zu entwickeln. Die Digitalisierung erfordert neue Spezialisierungen – nicht nur Ingenieure und ITler, sondern auch Facharbeiter und Bürokräfte mit neuen Kompetenzen.

Fragen , der Qualifizierung, der Beschäftigungswirkung, der Gefährdungsanalyse sowie die Lösung möglicher Zielkonflikte hinsichtlich der Datennutzung auch mit Blick auf die Persönlichkeitsrechte bedürfen einer nachvollziehbaren Technikfolgenabschätzung, die auch Interventionsmöglichkeiten der Beschäftigten und ihrer Interessensvertreter ermöglicht. Hier bietet das Betriebsverfassungsgesetz schon einige Spielräume für die Betriebsräte, allerdings sind aus unserer Sicht mehr Mitbestimmungsrechte notwendig um einen guten Ausgleich zwischen neuen digital unterstützten Geschäftsmodellen und der Verbesserung von Prozessen im Sinne der Beschäftigten zu schaffen.

Mit der kritischen Begleitung dieser Transformationsprozesse leisten wir auch einen wichtigen Beitrag für die gesamtgesellschaftliche Debatte: Problemfelder und Chancen können aus der Perspektive der Beschäftigten besser konkretisiert werden.