Auftakt in die Tarifrunden

Metaller diskutieren über Entgelt, Arbeitszeit und Zukunft

16.10.2020 | Hannover – Aktuell diskutiert die IG Metall in den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie – dazu zählen die Tarifgebiete Niedersachsen, Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim sowie Sachsen-Anhalt – und bei Volkswagen ihre Forderungen für die Tarifrunde. Die Beschäftigten erwarten eine offensive Tarifrunde, mit einem materiellen Volumen für Entgelt, zur Sicherung der Beschäftigung und Gestaltung der Zukunft.

Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt

Mittlerweile ist klar, dass der Tiefpunkt der Krise überwunden ist und die Wirtschaft langsam wieder Fahrt aufnimmt. Die umfangreichen staatlichen und tarifpolitischen Maßnahmen haben Wirkung gezeigt. Nun gilt es, die Binnennachfrage durch eine Entgeltsicherung und das Vertrauen, welches Beschäftigte in ihre Unternehmen und Arbeitsplätze setzten, durch eine Beschäftigungssicherung zu stärken.

Dazu äußert sich Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt: „Die Tarifrunde muss dazu beitragen, die Beschäftigung und die Einkommensentwicklung zu sichern.“ Die Produktionsentwicklung und die Auftragseingänge weisen auf eine Erholung der Industrie hin. „Nun gilt es, die Krise als Chance für eine sozial-ökologische Transformation zu nutzen. Deshalb werden wir offensiv in die Tarifrunde 2021 starten.“

Gröger macht unmissverständlich deutlich, dass die noch offenen Themen der letzten Tarifrunde nun wieder auf der Agenda stehen: „Seit 2018 hat es keine Erhöhung der Entgelte mehr gegeben. Darüber hinaus ist und bleibt die größte Herausforderung der nächsten Jahre der Strukturwandel. Die IG Metall hatte hierzu bereits Verhandlungen über Beschäftigungssicherung, Qualifizierung und zur Bewältigung der Digitalisierung und Transformation geführt, um die Betriebe der Metall- und Elektroindustrie und die Arbeitsplätze vor Ort langfristig abzusichern. Ebenfalls bleibt das Thema, wie es mit der Ausbildung, Ausbildungsplätzen sowie der Übernahme und Einbeziehung der Dual Studierenden weitergeht.

Auch bei Volkswagen geht es um den Nachwuchs von Fachkräften. Hier soll der Tarifvertrag weiterhin die Anzahl von 1.400 Ausbildungsplätzen zusichern, um auch zukünftig eine stetige Ausbildung im Unternehmen zu garantieren. Darüber hinaus wertet die VW-Belegschaft die bereits ausgehandelte tarifliche Zusatzvergütung, die in freie Zeit wandelbar ist, als großen Erfolg. Mit hoher Mobilisierung und Aktionen in der Tarifrunde 2018 konnten die VW-Beschäftigten gemeinsam mit über 1,5 Millionen Metallerinnen und Metallern aus der Metall- und Elektroindustrie mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit durchsetzen. Bisher haben VW-Beschäftigte den Anspruch auf sechs zusätzliche freie Tage im Jahr: für die Pflege von Angehörigen, die Kindererziehung und Belastungen in der Schichtarbeit. „Und genau hieran wollen wir anknüpfen und dieses Modell ausweiten und weiterentwickeln“, so Gröger

Die Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie wird eine wahre Herkulesaufgabe: Einer der gewaltigsten Transformationsprozesse der Geschichte trifft mit Corona und einer Angebots- und Nachfrage-Krise zusammen. Absolut einig sind sich Metallerinnen und Metaller darin, dass die Antwort weder ein Stellenabbau noch das Zurückhalten von Entgelt sein kann. „Wir müssen das Wirtschaftsleben und den Konsum wieder ankurbeln. Auch und gerade deshalb werden wir in den anstehenden Tarifverhandlungen ein materielles Volumen für Entgelt, Beschäftigung und Zukunft fordern.“, so Gröger.

Weiterhin gibt der Bezirksleiter zu bedenken, „dass die Arbeitgeber jetzt im Alleingang Sparpläne aus dem Giftschrank holen. Arbeitsplätze zu streichen, schadet nicht nur den Unternehmen, sondern der gesamten Wirtschaft,“ meint Gröger, der die Prognosen für 2021 wieder auf Wachstum stehen sieht. „Die Zeit spielt für uns, die Konjunktur erholt sich jeden Monat weiter. Deshalb bleiben wir konsequent und richten den Fokus der Tarifrunde auf eine Entgeltforderung und ein Zukunftspaket mit dem Schwerpunkt Beschäftigungssicherung.“

Ein Thema ist dabei die Option auf eine 4-Tage-Woche, um die Beschäftigten mittel- und langfristig an Bord zu halten. Dies gilt als mögliche Antwort zur Sicherung von Beschäftigung in Krise und Transformation, erklärt Gröger: „Wir brauchen Werkzeuge, um eine mittel- bis langfristige Unterauslastung in Unternehmen bewältigen zu können. Denn weder Corona noch die Transformation dürfen zum Kahlschlag, sondern müssen vielmehr zu guter Arbeit mit Perspektiven für alle führen. Dazu gehört Beschäftigungssicherung und zwingend eine Qualifizierungsoffensive für die Arbeitswelt von morgen. Zugleich sollen so Arbeitszeitwünsche verwirklicht und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden. Und letztendlich bedeutet weniger Pendeln auch mehr Klimaschutz. Gleichfalls könnte eine Vier-Tage-Woche auch eine Lösung für die geforderte Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden für Sachsen-Anhalt darstellen. Die Reduzierung der Arbeitszeit ist somit die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit!“

Nun gilt es für die IG Metall, eine erfolgreiche Tarifrunde zu führen. Die Tarifkommissionen haben u.a. mit der Kündigung der Entgelttarifverträge in der Metall- und Elektroindustrie sowie bei Volkswagen den Weg für die ersten Verhandlungen im Dezember freigemacht. Die Tarifverträge der Metall- und Elektroindustrie und bei Volkswagen laufen Ende Dezember aus. Für alle Tarifgebiete endet somit die Friedenspflicht zeitgleich am 28. Januar aus, sodass im Februar Warnstreiks zu erwarten sind.