Auswertung der DGB-Jugend

Praktikum und Mindestlohn. Der Faktencheck

12.08.2016 | Welche Arbeitsbedingungen haben Praktikant/innen? Wo gibt es Probleme? Was hat sich in den letzten Jahren verändert? Wie wirkt der gesetzliche Mindestlohn? Wo tricksen die Arbeitgeber? Auf diese und andere Fragen gibt eine Auswertung der DGB-Jugend Antworten.

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"Ich ha­be in ei­nem Un­ter­neh­men ein Prak­ti­kum von ins­ge­samt neun Mo­na­ten ab­sol­viert. Die ers­ten sechs Mo­na­te im Rah­men ei­nes Pflicht­prak­ti­kums, die letz­ten drei Mo­na­te als frei­wil­li­ge Prak­ti­kan­tin. Das Un­ter­neh­men hat mir zwei ver­schie­de­ne Prak­ti­kums­ver­trä­ge aus­ge­stellt. Ei­ne Ver­gü­tung ha­be ich nicht be­kom­men", klagt die 24-jäh­ri­ge Hü­l­ya.

Fäl­le wie der von Hü­l­ya wer­den in der neu­en DGB-Ju­gend-Bro­schü­re "Prak­ti­kum und Min­dest­lohn" be­schrie­ben und ana­ly­siert. Je­des Jahr wer­den in Deutsch­land ca. 600.000 Prak­ti­ka ab­sol­viert. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat der Min­dest­lohn auf Prak­ti­ka? Ist jetzt al­les gut?

Nein: Trotz Ein­füh­rung des Min­dest­lohns be­kla­gen Ab­sol­vent/in­nen auch heu­te noch, dass die Ver­gü­tung nicht für den Le­bens­un­ter­halt reicht – bei­spiels­wei­se durch Aus­nah­men bei Prak­ti­ka, die wäh­rend ei­nes Stu­di­ums ab­sol­viert wer­den. Vie­le Ar­beit­ge­ber zei­gen sich zu­dem krea­tiv bei der Aus­le­gung des Mindestlohn­ge­set­zes. Neue Prak­ti­kums­ar­ten ent­ste­hen, wie das aus frei­wil­li­gen und Pflicht­tei­len be­ste­hen­de Prak­ti­kum. Re­gu­lä­re Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se wer­den zu Prak­ti­ka um­ge­wan­delt.
Und auch in­ner­halb der Prak­ti­ka fin­det ei­ne Ver­schie­bung zum min­dest­lohn­frei­en Raum statt. "Der Min­dest­lohn hilft vie­len Prak­ti­kan­tin­nen und Prak­ti­kan­ten nicht, denn 73 Pro­zent al­ler Prak­ti­ka fin­den wäh­rend des Stu­di­ums statt. Dort hat der Ge­setz­ge­ber aber mas­si­ve Aus­nah­men vom Min­dest­lohn zu­ge­las­sen", stellt DGB-Bun­des­ju­gend­se­kre­tär Flo­ri­an Hag­gen­mil­ler fest.

Vor al­lem die Qua­li­tät der an­ge­bo­te­nen Prak­ti­kums­plät­ze schwankt: Schrift­lich ver­ein­bar­te Lern­in­hal­te wer­den nicht ein­ge­hal­ten, Ver­gü­tun­gen häu­fig ein­fach nicht ge­zahlt, Be­treu­er/in­nen feh­len, Ar­beits­zei­ten wer­den oft über­schrit­ten. 

Das Prak­ti­kum zeigt auch oft kei­ne be­ruf­li­che Per­spek­ti­ve auf: Über 78 Pro­zent al­ler Prak­ti­kant/in­nen – im Durch­schnitt sind sie 25 Jah­re alt - ma­chen sich Sor­gen um Ih­re wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on: Die Prak­ti­kant/in­nen er­war­ten weitaus mehr Ver­än­de­run­gen ih­rer Er­werbs­si­tua­ti­on als an­de­re Be­schäf­tig­ten­grup­pen. Sie ge­hen da­von aus, dass sie häu­fi­ger ih­ren Ar­beits­platz wech­seln, wenn nicht ver­lie­ren wer­den.
Da­mit sind Prak­ti­ka Teil ei­nes ins­ge­samt un­si­che­ren Be­rufs­ein­stiegs für jun­ge Men­schen, oft ver­bun­den mit er­heb­li­chen Aus­wir­kun­gen auf Le­bens- und Fa­mi­li­en­pla­nung. „Die Qua­li­tät von vie­len an­ge­bo­te­nen Prak­ti­ka ist nach wie vor un­zu­rei­chend. Vor al­lem die Be­treu­ungs­si­tua­ti­on muss ver­bes­sert wer­den. Not­wen­dig sind auch ein­heit­li­che ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen für Ur­laub und Krank­heit im Prak­ti­kum", sagt Hag­gen­mil­ler.

Für die DGB-Ju­gend steht fest: Recht­li­che Lücken beim Min­dest­lohn müs­sen schleu­nigst ge­schlos­sen wer­den. Es braucht ein Min­des­tent­gelt für al­le Prak­ti­ka, die nicht un­ter den Min­dest­lohn fal­len, ei­ne Re­ge­lung zur Höchst­dau­er und dar­über hi­n­aus die An­glei­chung von Ur­laubs- und Krank­heits­re­ge­lun­gen. Hag­gen­mil­ler: „Die Ge­werk­schafts­ju­gend for­dert, die Aus­nah­men beim Min­dest­lohn ge­ra­de für frei­wil­li­ge Prak­ti­ka wäh­rend des Stu­di­ums zu schlie­ßen und ei­ne ge­ne­rel­le Ein­füh­rung ei­nes Min­des­tent­gelts für Pflicht­prak­ti­ka ana­log dem je­wei­li­gen BAföG-Höchst­satz."

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