Demo in Berlin: 50.000 für den #Fairwandel

31.07.2019 | Die Digitalisierung, die Globalisierung und auch der Klimawandel verändern unsere Arbeitswelt. Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wollen diese Transformation sozial, ökologisch und demokratisch gestalten. Bei einer Großkundgebung der IG Metall am 29. Juni in Berlin forderten sie dafür Unterstützung von Politik und Arbeitgebern.

Foto: Christian von Polentz/transitfoto.de

Berlin-Mitte bei 30 Grad im Schatten: Ein Meer aus rot gekleideten Menschen, die zur lauten Musik tanzen und mitsingen. Transparente, Ansprachen, Pfiffe und Sprechchöre vermengen sich vor den Augen und in den Ohren der Demonstranten zu politischen Botschaften: Wir sind der Wandel, auf den wir gewartet haben. Unsere Alternative heißt Solidarität. Umweltschutz und Arbeitsplätze nicht gegeneinander ausspielen....

Über 50.000 Menschen aus ganz Deutschland reisten am 29. Juni zur großen #Fairwandel-Großkundgebung der IG Metall nach Berlin. Für gute Stimmung sorgten dort die namhaften Bands Clueso, Silly, Joris, Culcha Candela und Berlin Boom Orchestra. Auf der Bühne sprach Jörg Hofmann, der Erste Vorsitzende der IG Metall, Seite an Seite mit dem Naturschutzbund Deutschland (NABU), der Diakonie und dem Sozialverband VdK. Und mit der 23-jährigen Jugend- und Auszubildendenvertreterin Jasmin Gebhardt wurde auch ein Mitglied der IG Metall Jugend gehört. NABU-Präsident Olaf Tschimpke etwa betonte, warum ihm ein Schulterschluss mit der IG Metall und ihren Mitgliedern am Herzen liegt: „Ich begreife den Kampf gegen den Klimawandel als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die gar nicht anders als nur gemeinsam bewältigt werden kann.“

Protest für die Bildung

Die jungen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter hatten sich zuvor schon am Vormittag zu einem Demozug getroffen, der vom Roten Rathaus bis zum Brandenburger Tor führte. Dabei kam die Jugend unter anderem an der Humboldt-Universität Unter den Linden vorbei, wo die IG Metall mit einem Hürdenlauf auf ihre Anliegen aufmerksam machte: Beim Sprung über kniehohe Holzböcke bekamen die Demonstranten ein Gefühl dafür, was es bedeutet, die Herausforderungen eines dualen Studiums zu bewältigen: BBiG, Zeit in der Uni = Ausbildungszeit?, Urlaubszeitfenster, BetrVG, Hochschulgesetze, IHK-Abschluss?, Bindungsklausel.

Eine der Hauptforderungen der IG Metall Jugend ist, dass die dual Studierenden vom Betriebsbildungsgesetz, kurz BBiG, erfasst werden. „Der Vorschlag der Bundesregierung für ein neues Berufsbildungsgesetz ist ein Skandal. Statt Verbesserungen für junge Menschen gibt es halbgare Lösungen für die Wirtschaft. Eine Frechheit“, schimpfte etwa Jasmin Gebhardt in ihrer Ansprache, und forderte unter anderem Übernahmegarantien, eine höhere Mindestausbildungsvergütung sowie Lehr- und Lernmittelfreiheit.

Diese Themen beschäftigen auch die jungen Demonstranten und Demonstrantinnen. „Bei meinem Betreuer, der Robert Bosch GmbH, läuft es zurzeit ziemlich gut mit den Übernahmen. In anderen Betrieben sieht das anders aus und ich kann mir vorstellen, dass das ein ziemlicher Stressfaktor für die Ausbildung ist“, sagt etwa der duale Student Jan Erik Baumann aus Karlsruhe. Florian Brembs, Industriemechaniker und Student der Sozialökonomie, hatte während seiner jahrelangen Tätigkeit als Jugendvertreter nur wenige Möglichkeiten, sich für die dual Studierenden einzusetzen und engagiert sich dafür, dass diese endlich mit ins Berufsbildungsgesetz kommen: „Dann hätten wir eine gesetzliche Grundlage, um dem Arbeitgeber zu sagen: ‚Wir haben ein Mitspracherecht in allen Punkten, die die Ausbildung der dualen Studierenden betreffen“. Marvin Rudolph, Mechatronik-Student in Darmstadt, setzt sich dafür ein, dass Werkstudierende mit anderen Beschäftigten gleichgestellt werden: „Wir haben es in unserer Firma jetzt geschafft, die Werkstudierenden in den Tarifvertrag reinzubekommen. Das ist für mich ist das das Wichtigste.“

Doch die Vielfalt an Themen, die die jungen Metallerinnen und Metaller bewegt, ist riesig – und reicht von der schwierigen Wohnungssituation über den Umgang mit Rechtspopulismus bis hin zur Sorge vor dem Wegfall von Arbeitsplätzen. Cosima Steltner studiert dual bei Thyssen Krupp und sagt: „Es geht um unsere Zukunft: darum, dass wir in den nächsten Jahrzehnten gute und sichere Arbeitsplätze haben. Ich stecke noch mitten im Studium und bin noch etwas davon entfernt. Aber auch ich merke, dass sich etwas verändert – darum bin ich dabei und setze ein Zeichen.“ Robin Grunenberg aus Hagen hat dual Maschinenbau studiert und sagt: „Wir wollen die Zukunft in unserem Sinne gestalten: Ökologisch, fair und solidarisch. Wir machen uns heute dafür stark, dass wir auch in Zukunft noch gute Arbeit und ein gutes Leben haben können. Ganz konkret geht es uns um die Novellierung des Berufsbildungsgesetzes, um die Arbeitszeitdebatte und die Gestaltung der Transformation.“ Auch Rebekka von Hacht, ebenso Maschinenbauerin, wünscht sich eine faire Zukunft für alle: „Von der Politik und den Arbeitsgebern erhoffe ich mir, dass sie eine schlaue Strategie aufstellen und uns dabei unterstützen, dass wir die Herausforderungen der Transformation gemeinsam bewältigen können. Dabei geht es mir vor allem um Fort- und Weiterbildungen für die Kollegen, die jetzt plötzlich mit Robotern zusammenarbeiten und sich mit dem Thema Big Data auseinandersetzen müssen.“

Klimawandel: Die Uhr tickt

IG Metall for future – unter diesem Motto solidarisierten sich die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter bei der Großkundgebung am 29.6. mit Greta Thunberg und anderen jungen Umweltaktivisten. Isabelle Gadel etwa studiert Philosophie und Kunstgeschichte in Berlin, arbeitet als Werkstudentin bei Daimler und macht ein Praktikum bei der IG Metall. Mit ihrer Teilnahme an der #Fairwandel-Kundgebung setzt sie sich dafür ein, dass die Transformation ökologisch gestaltet wird: „Wenn wir so weitermachen, wird unsere Welt in neun bis zwölf Jahren so nicht mehr existieren, das kann einfach nicht sein.“ Auch die Fridays for Future-Gruppe der TU Berlin war vor Ort: „Wir wollen, dass die Bewegung nicht nur studentisch und schülerisch ist, sondern dass sich wirklich die ganze Gesellschaft daran beteiligten kann. Deswegen solidarisieren wir uns mit jedem Mitstreiter, der ökologisch dabei ist. Und gerade auch weil soziale und ökologische Themen nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten, sind wir dabei, um euch zu unterstützen“, sagt Dustin Lemm und ruft alle Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter zum Klimastreik am 20. September auf.

29. Juni. 50.000 Menschen. Am Brandenburger Tor. Für #Fairwandel. Dieser Tag wird etwas verändern, davon ist Jasmin Gebhard überzeugt: „Vor allem die ältere Generation hat gemerkt, dass die Jugend präsent ist. Es waren auch viele Menschen auf der Kundgebung, die kein IG Metall-Mitglied sind. Und die haben gesehen, wie cool es ist, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Ich hoffe, dass dadurch ganz viel in Bewegung kommt.“

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