Gap Year

25.07.2019 | Viele Gründe sprechen dafür, vor oder nach dem Bachelor eine Auszeit einzulegen. Was musst du beachten, wenn du zum Beispiel ein Praktikum oder einen Freiwilligendienst einlegen möchtest?

Foto: PantherMedia/marog-pixcells

Die Prüfungen waren geschafft, die Bachelorarbeit geschrieben und Mirjam Brielmaier hätte gleich mit dem Master beginnen können. Doch die Studentin brauchte eine Pause und wollte das theoretische Wissen aus dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens zunächst einmal in der Praxis anwenden.  Das ASA-Programm von Engagement Global – Service für Entwicklungsinitiativen, von dem sie über einen Aushang an ihrer Hochschule erfuhr, bot der Studentin die Möglichkeit dazu in einem kommunalen entwicklungspolitischen Projekt.

Als Teilnehmerin von ASA-Kommunal konnte Mirjam Brielmaier gemeinsam mit einer deutschen Studentin und zwei namibischen Studentinnen ein Projektpraktikum absolvieren. Die ersten drei Monate verbrachten die vier Praktikantinnen am Institut für Kreislaufwirtschaft und Energie an der Hochschule Bremen, anschließend waren sie für ein Vierteljahr in der Abteilung für Abfallwirtschaft der Stadt Windhoek im südwestafrikanischen Namibia tätig. „Seit jeher wird fast der gesamte Müll der Stadt auf eine Deponie geworfen, die jetzt an ihre Kapazitätsgrenzen stößt. Unsere Aufgabe war es, alternative Strategien und Konzepte für die Entsorgung zu entwickeln“, erklärt die junge Wirtschaftsingenieurin.

Bei ihren Recherchen und Analysen bekamen die Studentinnen Unterstützung von Wissenschaft, Industrie und Verwaltung: In Bremen unterstützten Forscher sie bei der Literaturrecherche, zudem hatten sie die Möglichkeit, Biogas- und Kompostierungsanlagen sowie Müllheizkraftwerke zu besichtigen. Und in Windhoek sahen sie sich verschiedene Recyclinghöfe an, bevor sie in Kooperation mit der Park- und Gartenabteilung der Stadt einen Kompostierungstestbetrieb für organische Abfälle starteten.

Blick über den Tellerrand

Während das so genannte Gap Year in angelsächsischen Ländern Tradition hat, rasen gerade die Studierenden der Ingenieurwissenschaften in Deutschland häufig durch das Studium, ohne sich nach rechts und links umzuschauen. Dabei gibt es viele gute Gründe, nach dem Abitur, zwischen Bachelor und Master oder auch zwischen Studium und Berufseinstieg zunächst einmal eine Pause einzulegen. Der eine ist sich vielleicht noch gar nicht so sicher, wie es für ihn beruflich weitergehen soll. Die andere braucht wie Mirjam Brielmaier etwas Zeit, um sich von der anstrengenden Prüfungszeit zu erholen oder möchte ihr erworbenes Wissen praktisch anwenden. Und der dritte hat noch keinen Masterplatz bekommen und muss die Wartezeit überbrücken.

Für jeden und jede von ihnen gibt es vielfältige Möglichkeiten: Zahlreiche Hochschulen laden Abiturienten inzwischen dazu ein, während eines Orientierungssemesters in das Studentenleben hineinzuschnuppern, ohne sich schon auf ein bestimmtes Studienfach festlegen zu müssen. Auch Praktika, berufliche Zwischenstationen und Freiwilligendienste sind im In- oder Ausland möglich. „Interessenten und Interessentinnen können sich direkt an potentielle Praktikums- oder Arbeitgeber wenden oder entsprechende Programme in Anspruch nehmen.

Unterstützung und Informationen zu Programmen wie Erasmus+ bekommen Studierende beim Career Service oder beim Akademischen Auslandsamt ihrer Hochschule“, sagt Nelli Wagner vom Career Service der Universität Potsdam. Die Unternehmensberatung Bain & Company beispielsweise kooperiert in ihrem Programm „The Power of 4“ mit Audi, der Deutschen Telekom und dem FC Bayern München, um vergütete Praktikumsplätze für herausragende Bachelorabsolventinnen und -absolventen anzubieten. Ein Engagement beim Verein Ingenieure ohne Grenzen bietet Studierenden die Chance, ingenieurwissenschaftliche Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit durchzuführen. Auch die Datenbanken des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und Eurodesk Deutschland listen interessante Angebote im Ausland, darunter zum Beispiel auch die Programme von Engagement Global.

Wertvolle Erfahrungen sammeln


Wenn junge Menschen Auszeiten gezielt nutzen, um neue Erfahrungen zu sammeln, kommt das auch in den Personalabteilungen potentieller Arbeitgeber gut an. Denn wer einen Blick über den eigenen Tellerrand wirft, stellt sich neuen Herausforderungen und erwirbt dabei wertvolle Kompetenzen. Diese Erfahrung hat auch Mirjam Brielmaier während ihres Projektpraktikums gemacht: „Anfangs mussten wir uns als interkulturelles Team erst einmal finden, zumal wir alle unterschiedliche Studienhintergründe haben. Die Arbeitssprache war Englisch, aber viele Besichtigungen konnten nur auf Deutsch stattfinden. Und später mussten wir dann zum Beispiel überlegen, inwieweit sich deutsche Technologien auf Namibia übertragen lassen, wo die finanziellen Rahmenbedingungen anders sind“, erzählt die Studentin.

Sie fand es spannend, während des Praktikums in die Beraterrolle zu schlüpfen: „Wir haben uns innerhalb einer begrenzten Zeit in ein neues Thema eingearbeitet und dabei mitbekommen, wie ein Institut an einer Hochschule arbeitet und wie eine Kommune in einem anderen Land arbeitet. Eine Schlachterei in Windhoek beispielsweise hat uns nach einer Besichtigung und zwei Anrufen ihren Mist geliefert, den wir dann als Material für unsere Biogasanlage verwenden wollten. In Deutschland würde das so einfach nie funktionieren.“

Inzwischen ist Mirjam Brielmaier zurück in Deutschland, wo sie ihren Master im Fach Dezentrale Energiesysteme und Energieeffizienz in Reutlingen macht, während die von ihr und ihren Mitpraktikantinnen entwickelte Kompostierungsanlage von den namibischen Kolleg*innen betreut wird. Ihre Auszeit vom Studium hat die Studentin bis heute nicht bereut: „Ich habe viel gelernt – sowohl fachlich als auch menschlich und über andere Kulturen. Auch meine Sprachkenntnisse habe ich verbessert. Es fällt mir jetzt leichter, Menschen zu verstehen, die Englisch mit einem anderen Akzent sprechen. Das ist wichtig, denn auch im Berufsleben werde ich viel mit Nicht-Muttersprachlern zu tun haben.“

Tipps rund um das Gap Year

  • Frühzeitig orientieren: Wer keine Bewerbungsfristen verpassen möchte, sollte sich so früh wie möglich darüber informieren, welche Optionen für ihn oder sie in Frage kommen. Vielleicht muss ja auch noch ein Umzug organisiert und ein Visum beantragt werden? Bei der Suche nach einem seriösen Praktikumsgeber hilft der QualitätsCheck Auslandspraktikum.

  • Versicherungsfragen klären: Wer während des Gap Years nicht über die Hochschule krankenversichert werden kann, sollte prüfen, ob dies über den Arbeit- oder Praktikumsgeber bzw. über den Freiwilligendienstanbieter möglich ist.

  • Finanzierung sicherstellen: Kindergeld erhalten Studierende bis zum 25. Lebensjahr. Ob das auch während des Gap Years gilt, sollten sie bei der zuständigen Familienkasse erfragen. Es empfiehlt sich, für die Zeit des Gap Years nach Möglichkeit ein Stipendium beantragen. Manche Praktika sind auch vergütet. Für BAföG-Bezieher kann es sich lohnen, während des Gap Years eingeschrieben zu bleiben. Das kann auch wegen anderer Vorteile wie Semesterticket, Mensavergünstigungen und der vergünstigten Krankenversicherung sinnvoll sein.

  • ISIC bei der IG Metall bestellen: Als Mitglied bekommst Du bei der IG Metall kostenfrei den internationalen Studierendenausweis ISIC mit dem Du dich als Student*in ausweisen kannst und viele Rabatte bekommst: www.igmetall.de/ISIC
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