Mindestlohndebatte

Mindestlohn für Praktika? Na klar.

04.06.2014 | Der geplante Mindestlohn für Praktikantinnen und Praktikanten wird derzeit intensiv diskutiert. Viele sehen den Berufseinstieg dadurch erschwert. Stimmt das eigentlich? Die Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Praktikum = Lernverhältnis

Jährlich werden etwa 600.000 Praktika in Deutschland absolviert. Ein Löwenanteil findet dabei während des Studiums statt und das ist auch gut so, denn ein Praktikum ist ein Lernverhältnis.

 

Das Bundesarbeitsgericht hat den Status eines Praktikanten folgendermaßen definiert:

„Praktikant ist, wer sich für eine vorübergehende Dauer zwecks Erwerb praktischer Kenntnisse und Erfahrungen einer bestimmten betrieblichen Tätigkeit und Ausbildung, die keine systematische Berufsausbildung darstellt, im Rahmen einer Gesamtausbildung unterzieht, weil er diese für die Zulassung zum Studium oder Beruf, zu einer Prüfung oder anderen Zwecken benötigt.“ (BAG 13.03.03 – 6 AZR 564/01)

Praktika haben durchaus Vorteile. Sie erleichtern die Berufswahl und vermitteln Kompetenzen, die man sich in Schule und Studium nicht aneignen kann, sie sind Teil einer vielseitigen Ausbildung. Immer mehr Firmen und Institutionen setzen junge HochschulabsolventInnen aber zum Schein als PraktikantInnen ein. In Wirklichkeit wird vollwertige Arbeit geleistet.

Ausbeutung oder Chance?

Die Hans-Böckler-Stiftung hat in Kooperation mit der DGB Jugend im Jahr 2011 die Qualität von Praktika von Hochschulabsolventen untersucht: Insgesamt empfand nur etwas mehr als die Hälfte ihre Betreuungssituation im Praktikum als angemessen, wobei bei knapp zwei Dritteln eine notwendige Ansprechbarkeit der Betreuerin/des Betreuers gewährleistet war und 61 Prozent zum Abschluss ein konstruktives Feedback be­kamen. Auch mit dem tatsächlichen Ablauf des Praktikums konnten längst nicht alle zufrieden sein, da es nur bei 54 Prozent der Befragten den getroffenen Vereinbarungen ent­sprach. Nur bei jedem Vierten wurde überhaupt zu Beginn ein Praktikumsplan erstellt. Aber am entscheidendsten ist wohl, dass nur knapp die Hälfte äußerte, der Lernaspekt habe im Vordergrund des Praktikums gestanden. Der Großteil gab an, dass er trotz des Praktikantenstatus vollwertige Arbeit geleistet habe (81 Prozent) und bei drei Viertel der Befragten sei diese Arbeit im Betriebsablauf fest eingeplant gewesen.

Mit 40 Prozent liegt der Anteil der gänzlich unbezahlten Praktika dabei alarmierend hoch, auch wenn das schon einen Rückgang gegenüber 45 Prozent in 2007 bedeutet. 29 Prozent werden maximal in Höhe eines Minijobs vergütet, was eher einer Aufwandsentschädigung als einer Bezahlung gleich kommt, und bei weiteren 22 Prozent entspricht die Entlohnung der eines Midijobs. Nicht einmal jede/r zehnte Hochschulabsolventin oder -absolvent wird für ein Prak­tikum, in dem wie zuvor dargestellt größtenteils vollwertige Arbeit geleistet wird, mit über 800 Euro monatlich entlohnt.

Mindestlohn für Praktika nach Studienende

Für eine ganze Generation wird der Berufseinstieg somit zu einer äußerst prekären Angelegenheit: Unterbezahlt und perspektivlos bleiben die jungen Menschen von ihren Eltern oder von staatlichen Transferleistungen abhängig, an Zukunfts- oder gar Familienplanung ist unter diesen Umständen kaum zu denken. PraktikantInnen besitzen kaum Rechte und erwerben keine Ansprüche in den Sozialversicherungen. Das ist kein gutes Geschäft - weder für die Betroffenen noch für die Solidargemeinschaft.

Der jetzt von der Bundesregierung geplante Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro pro Stunde für Praktika nach dem Studienende ist deshalb absolut richtig und längst überfällig. Ein gutes und faires Praktikum muss zeitlich begrenzt, angemessen vergütet und im Rahmen der Ausbildung oder des Studiums absolviert werden. Da es sich um ein Lernverhältnis handelt, sollte es einen Ausbildungsvertrag geben. Er legt Ausbildungsinhalte und -ziele fest und benennt eine Betreuungsperson. Nach Beendigung von Ausbildung oder Studium sollte man keine Praktika mehr machen müssen. Eine faire Alternative zum Praktikum sind Traineeprogramme, die so bezahlt werden, dass man seinen Lebensunterhalt davon bestreiten kann, also mit mindestens 8,50 Euro pro Stunde, falls keine bessere tarifvertragliche Regelung gilt.

Keine Ausnahmen beim Mindestlohn

Das fordert auch ein neues, breit aufgestelltes Bündnis von 18 Organisationen und Verbänden, zu dem auch die Gewerkschaftsjugend gehört. Gewerkschaften und Sozialverbände, Frauen-, Jugend- und Naturverbände, kirchliche Organisationen und Erwerbsloseninitiativen haben sich hier zusammengefunden. In einem gemeinsamen Aufruf fordern die Bündnispartner die Regierung auf, die geplanten Ausnahmen für Jugendliche und Langzeitarbeitslose zu stoppen.

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