Mann, Frau oder keins von beidem? Langfristig wird das laut Zukunftsforschern keine Rolle mehr spielen.

Wandel der Geschlechterrollen

14.05.2018 | Gabriele Trittel hat sich als Mitglied des Betriebsrats von Volkswagen jahrzehntelang für Gleichstellungspolitik eingesetzt. Gemeinsam mit dem Unternehmen hat sie daran gearbeitet, den Frauenanteil in der Belegschaft zu erhöhen, das heißt, Frauen für technische Ausbildungen und Studiengänge zu interessieren, ihnen etwa durch eine Quote und die Sensibilisierung von Führungskräften faire Chancen auf einen Berufseinstieg zu verschaffen und sie durch spezifische Trainings, Mentorenprogramme und...

Sie hat erlebt, welch starken Einfluss auch gesetzliche Rahmenbedingungen wie das Elterngeld auf die Lebensgestaltung junger Väter und Mütter hat und wie sich dies auf die Einstellungen und Arbeitsprozesse im Unternehmen auswirkt. Gabriele Trittel wuchs selbst noch in einer Zeit auf, als Frauen ihren Männern den Rücken freihielten, damit diese Karriere machen konnten. Sie steht jetzt kurz vor der Rente und sieht, dass sich die Arbeitsbedingungen für junge Frauen in technischen Berufen im Laufe ihres Arbeitslebens enorm verändert haben. Dennoch sagt sie: „Die Zeit, in der das Geschlecht am Arbeitsplatz keine Rolle mehr spielt, werde ich auf einer schönen weißen Wolke erleben“.

Diskriminierung von Frauen

Tatsächlich bekommen Frauen im Schnitt nach wie vor geringere Löhne als Männer, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in seinen Studien zum Gender Pay Gap zeigt. Die schlechtere Bezahlung trifft nicht nur Frauen im Niedriglohnsektor, sondern auch Hochqualifizierte. „Wenn Frauen überhaupt über ein gewisses Entgelt-Niveau hinauskommen, brauchen sie dafür viel länger als Männer. Das liegt daran, dass Frauen im gebärfähigen Alter in den Betrieben häufig nicht mehr angeschoben werden, denn in den Führungsetagen ist noch nicht angekommen, dass sich solche qualifizierten Frauen die Carearbeit heute häufig mit ihren Partnern teilen“, sagt Tatjana Funke, die bei der IG Metall Baden-Württemberg für Frauen- und Gleichstellungspolitik zuständig ist. Bekomme eine hochqualifizierte Frau die seltene Gelegenheit, Führungskraft zu werden, sei sie so dankbar dafür, dass sie beim Gehalt nicht anständig nachverhandle. „Nur wenn wir in den Schulen von den traditionellen Vorbildern wegkommen und wenn sich Betriebsräte wie Arbeitgeber auf die Gleichstellung der Geschlechter fokussieren, wird sich hier etwas ändern“, ist Tatjana Funke überzeugt.

Zukunftsforscher prophezeiten, dass diese Zeit kommen wird. Denn insgesamt verlieren die Geschlechter an Bedeutung – nicht nur am Arbeitsplatz. „Frauen und Männer nähern sich aneinander an, was ihre Geschlechterrollen angeht. Und die Kategorie Geschlecht verliert seine gesellschaftliche Verbindlichkeit“, sagt Cornelia Kelber, Trendforscherin bei der Beratungsgesellschaft Zukunftsinstitut. Konkret bedeute das zum Beispiel, dass Frauen heutzutage nicht mehr im Hintergrund arbeiten müssen, sondern ins Rampenlicht treten und Verantwortung übernehmen können, während von Männern erwartet wird, dass sie sich auch mal zurücknehmen können. „In den 60er Jahren war es noch normal, dass männliche Führungskräfte im Büro einen Wutanfall hatten. Heute wird das nicht mehr toleriert“.

Die LGBT-Bewegung als Vorreiter

Auffällig ist auch, wie sich die Sichtbarkeit der so genannten anderen Geschlechter in manchen Unternehmen verändert. Uta Menges beispielsweise hat als Leiterin Diversität und Inklusion bei IBM in den vergangenen Jahren schon fünf Kollegen dabei begleitet, vom Mann zur Frau oder von der Frau zum Mann zu werden. Sie kann dabei auf eine unternehmensinterne Guideline zurückgreifen, in der geregelt ist, wann der Name in den Personalakten, Mitarbeiterausweisen und Telefonbüchern geändert wird und wann die Information an Krankenversicherung, Finanzamt und Rentenversicherung übermittelt wird. Auch die Fragen, wer transsexuellen Mitarbeitenden bei Bedarf als Ansprechperson zur Seite steht und wie die Führungskraft, das Team und die Kunden auf eine Geschlechtsumwandlung vorbereitet werden sollten, hat sich das Unternehmen bereits gestellt. „Natürlich gibt es in der Belegschaft auch Einzelne, die den Betroffenen gern mit weniger Offenheit gegenübertreten würden. Wir kommunizieren ihnen gegenüber aber klar, dass wir unsere Mitarbeitenden unabhängig von Diversity-Kriterien entsprechend ihrer Potentiale und Stärken fördern und erwarten, dass sich alle Mitarbeitenden entsprechend dieser Grundsätze verhalten“, betont Uta Menges.

Laut Cornelia Kelber profitiert von einer solchen Politik nicht nur ein einzelnes Unternehmen, sondern die Gesellschaft als Ganzes: „Die LGBT-Bewegung war in den letzten zwanzig Jahren sehr erfolgreich und hat auch für Heteros und Nicht-Transsexuelle viel verändert. Der Apple-Chef Tim Cook etwa hat der IT-Welt mit seinem Outing einen Schub versetzt, weil man einen Menschen in seiner Position kaum diskriminieren kann. Und wenn plötzlich eine transsexuelle Frau mit Karohemd in einem rein männlich dominierten Ingenieursbetrieb auftaucht, stellt das die Geschlechterklischees von allen in Frage.“

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