Studierfähigkeitstests

Reality Check: Bist du der geborene Ingenieur?

22.10.2019 | Du möchtest einen Bachelor oder Master in einem ingenieurwissenschaftlichen Fach machen? Dann teste doch vorab erst einmal, ob das wirklich der richtige Weg für dich ist. Eignungstests gibt es nämlich nicht nur für angehende Künstler*innen oder Sportler*innen, sondern durchaus auch im technischen Bereich.

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Autos bauen, Brücken planen, Geräte entwickeln? Für viele junge Leute klingt das spannend. Doch der Traum vom Ingenieurberuf wird nicht für alle wahr. Die Studienabbruchquote in den Ingenieurwissenschaften war vor einigen Jahren noch höher als in allen anderen Fächergruppen: Fast die Hälfte (48 Prozent) aller Ingenieurstudierenden brachten ihren Bachelor nicht zu Ende. So das Ergebnis einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) aus dem Jahr 2012.

In den Folgejahren fiel die Studienabbrecherquote in den Ingenieurwissenschaften zwar deutlich, doch sie liegt immer noch bei 36 Prozent (2014) und 32 Prozent (2017). Heike Schmitt von 4ING, den Fakultätentagen der Ingenieurwissenschaften und Informatik an Universitäten, fordert deshalb flächendeckend verpflichtende Studierfähigkeitstests: „In einigen Bundesländern bringen die Abiturientinnen und Abiturienten nicht die mathematischen und naturwissenschaftlichen Kenntnisse mit, die sie benötigen, um ein ingenieurwissenschaftliches Studium bewältigen zu können. Und einige Studienanfänger kommen mit den falschen Erwartungen und denken etwa, Maschinenbauer hätten ölverschmierte Hände, Bauingenieure würden mit dem Helm auf der Baustelle herumlaufen und Elektrotechnik hätte mit Informatik nichts zu tun.“

Verbindliche Eingangstests an den Hochschulen

Tatsächlich haben einige Universitäten sehr gute Erfahrungen mit verbindlichen Eignungsfeststellungsverfahren gemacht. Wer sich zum Beispiel an der TU Darmstadt für ein Studium im Maschinenbau bewirbt und im Abitur einen bestimmten Notenschnitt überschreitet, wird zu einem persönlichen Gespräch eingeladen: Ist die Abiturnote schlechter als 1,7, müssen die Bewerber/innen eine Auswahlkommission aus Professor/innen, wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen sowie Studierenden von ihrer Eignung für das Studium überzeugen. Liegt der Abiturdurchschnittbei 1,7 oder ist er sogar besser, haben sie den Studienplatz sicher, doch sie können dann freiwillig an einem solchen Eignungsgespräch teilnehmen.

Vizepräsident Ralph Bruder erklärt: „Aus Erfahrung kennen wir das spezifische Profil von Studierenden, die erfolgreich ein Fach studieren. Ziel des Eignungsfeststellungsverfahrens ist es, diese Fähigkeiten bei Bewerberinnen und Bewerbern zu identifizieren und ihnen eine Orientierung für den Studienbeginn zu geben und ebenso Defizite zu erkennen und zu benennen, um Bewerberinnen und Bewerbern Möglichkeiten zur Aufarbeitung an die Hand zu geben. Uns interessiert, wie sich die potentiellen Studierenden mit dem Studiengang beschäftigt haben, was ihre Motivation für dieses Fach ist und welche Ziele sie damit erreichen möchten. Darüber hinaus möchten wir wissen, wie die Bewerberinnen und Bewerber die Anforderungen des Studiums sowie ihre Vorkenntnisse einschätzen. Schließlich fragen wir danach, ob die Personen sich außerhalb des Fachlichen engagiert haben.“ Die für diese Aufgabe geschulte Auswahlkommission fälle ihre Eignungsentscheidung auf der Basis der Abiturnote und des Auswahlgesprächs. Die Interviewleitfäden und Kriterienkataloge hat die Universität 2006 mithilfe externer Begleitung entwickelt und in den Folgejahren weiter optimiert.

Für Bewerber sinnvoll: Freiwillige Teilnahme

Das persönliche Gespräch bietet den angehenden Studierenden die Möglichkeit, ein besseres Bild davon zu bekommen, was sie im Studium erwartet. „Natürlich kommt es vor, dass wir Studieninteressierte ablehnen müssen. Aber es passiert auch, dass wir Kandidatinnen und Kandidaten, die selbst noch unsicher sind, ob der Studiengang zu ihnen passt, zur Aufnahme des Studiums bestärken“, erklärt Ralph Bruder.

Insgesamt berichtet der Vizepräsident von sehr guten Erfahrungen mit dem Eignungsfeststellungsverfahren: „Die Studienerfolgszahlen haben sich verbessert und die Abbruchszahlen sind gesunken. Das Eignungsfeststellungsverfahren hat dabei eine wichtige Rolle gespielt, neben weiteren Maßnahmen wie einem Mentoring, einem Mathe-Vorkurs und einem umfangreichen Beratungs- und Unterstützungsangebot.“ Der Maschinenbaustudent Stefan Hackelbörger hat das Eignungsfeststellungsverfahren vor Beginn seines Studiums selbst durchlaufen, sitzt jetzt als Vertreter der Fachschaft in der Auswahlkommission und bestätigt diese Einschätzung:

„Die Professorinnen und Professoren nehmen sich hier die Zeit,  ein besseres Bild von den Bewerberinnen und Bewerber zu erhalten. Hierdurch erhalten Studieninteressierte eine Chance, deren Schulnoten bei einem NC-Verfahren nicht für ein Maschinenbaustudium an einer renommierten Universität reichen würden. Bei einigen Bewerberinnen und Bewerbern merkt man, dass sie einen Plan für die Zukunft haben und wissen, wie sie ihr Studium gestalten wollen. Andere gehen mit einer komplett falschen Einstellung an die Sache heran und erwarten zum Beispiel einen hohen Praxisanteil, der in einem sehr theorielastigen Studium nicht immer gegeben ist. Bei anderen wiederum wird im Gespräch deutlich, dass sie von der Familie oder von Freunden mehr oder weniger zu diesem Studium gedrängt werden. Natürlich ist es für diese Leute erst einmal frustrierend, wenn sie die Absage erhalten. Aber auf der anderen Seite ist es fair, dass sie dieses Feedback schon zu einem so frühen Zeitpunkt bekommen und so im besten Fall einen Studienabbruch vermeiden können.“

Hochschulgesetze verhindern flächendeckende Tests

Auch eine Studie der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) an zwölf Technischen Universitäten nennt Eignungsfeststellungsverfahren neben Orientierungsprüfungen und Studienhöchstdauern als wirksamstes Instrument gegen hohe Abbruchszahlen. Dennoch finden nicht an allen Hochschulen solche Studierfähigkeitstests statt. Das liegt unter anderem daran, dass die Durchführung solcher Verfahren viel Geld und Personal kostet – ein Aufwand, den manch eine Hochschule meidet. Ein wichtiger Grund ist auch, dass einige Bundesländer Zulassungsbeschränkungen in ingenieurwissenschaftlichen Fächern hochschulrechtlich verbieten, um allen Interessierten Zugang zum Studium zu gewähren.

Auch dafür gibt es gute Argumente: Wer unbedingt Maschinenbau studieren möchte, soll natürlich die Möglichkeit dazu bekommen und von Seiten der Hochschule optimal gefördert werden – unabhängig von den Leistungen, die er oder sie in der Schule erbracht hat. Denn der Studienerfolg hängst in erster Linie von der Motivation der einzelnen Person ab. Und selbst wenn ein Student oder eine Studentin sich nach einigen Semestern noch einmal umorientiert, muss das ja nicht bedeuten, dass er oder sie diese Erfahrung als Scheitern erlebt.

Henning Rockmann von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) erklärt: „Zunächst einmal gilt, dass in Deutschland mit dem Erlangen der Hochschulzugangsberechtigung grundsätzlich der Zugang zum Studium eröffnet ist. Das ist die Grundaussage, die auch den jeweiligen Landeshochschulgesetzen zu entnehmen ist. Flächendeckende Studieneingangstests sind aus diesem Grunde – anders als z. B. in Großbritannien – nicht vorgesehen.

Nun gibt es allerdings auf Ebene der Zulassung zu einem Studium (die wiederum vom Zugang zu unterscheiden ist) durchaus in jedem Bundesland die Möglichkeit, das Ergebnis eines fachspezifischen Studierfähigkeitstests im Auswahlverfahren zu berücksichtigen, wenn der spezifische Studiengang eine örtliche Zulassungsbeschränkung aufweist. So sehen die Hochschulvergabeverordnung der Länder es vor. Wichtig ist dann allerdings, dass die Hochschulen in ihren Studien- und Prüfungsordnungen die Berücksichtigung des Ergebnisses eines Studierfähigkeitstests auch normieren. D. h. nur weil die Ordnungen eine entsprechende Berücksichtigung eröffnen, heißt das noch lange nicht, dass die Hochschulen dieses Kriterium im Auswahlverfahren auch heranziehen. Es ist durchaus möglich, dass sie ihr Auswahlverfahren auf andere Kriterien stützen.“

Hilfreiche Alternative: Selbsttests im Internet


Hilfreich sind laut der acatech-Studie auch so genannte Online-Self-Assessments (OSA) wie das kostenlose und anonyme SelfAssessments (SAM) der RWTH Aachen, die die Studieninteressierten selbständig ausfüllen und vor der Einschreibung bei der Hochschule einreichen müssen – allerdings natürlich nur dann, wenn die Bewerberinnen und Bewerber diese auch ernsthaft bearbeiten und nicht einfach nur „durchklicken“. Bei SAM werden zum Beispiel innerhalb von 90 bis 120 Minuten mathematische und naturwissenschaftliche Fertigkeiten und Interessen, aber auch das Verständnis von Texten abgeprüft. Anschließend werden die Ergebnisse individuell ausgewertet und den Kandidat/innen online zur Verfügung gestellt. Die Kandidat*innen bekommen auch Hinweise auf Alternativen sowie Unterstützungsmöglichkeiten wie die Studienberatung oder Vorkurse. Für die Einschreibung muss nur ein Teilnahmenachweis eingereicht werden, die Ergebnisse des Tests haben an der RWTH Aachen keinen Einfluss darauf, ob ein Bewerber einen Studienplatz erhält oder nicht.

Online-Self-Assessments wie das der RWTH Aachen stehen auch jungen Menschen offen, die überlegen, an einer anderen Hochschule ein ingenieurwissenschaftliches Fach zu studieren. Neben den Hochschulen bieten auch andere Einrichtungen Studierfähigkeitstests an, die Interessierten bei der Wahl des passenden Studienfaches helfen.

Weitere Studierfähigkeitstests für Ingenieur/innen


Das Beratungshaus ITB Consulting zum Beispiel hat nicht nur den bundesweit eingesetzten Test für medizinische Studiengänge und den Test für Masterstudiengänge in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften entwickelt, sondern auch einen Studierfähigkeitstest für die MINT-Fächer, von dem eine Demoversion kostenlos genutzt werden kann. Der MINT-Test der ITB prüft neben Mathematikkenntnissen aus der Mittel- und Oberstufe vor allem die naturwissenschaftliche Begabung:

„Es geht darum, Formeln zu finden, die naturwissenschaftliche oder technische Sachverhalte beschreiben, Abbildungen zu interpretieren oder abstrakte Regelsysteme zu verstehen und etwa Buchstabenkombinationen zu transformieren“, erklärt Stegt. Um den späteren Studienerfolg vorauszusagen, setzt die ITB auf eine Kombination aus der Abiturnote und dem Ergebnis des Studierfähigkeitstests: „Die Vorhersagekraft beider Kriterien ist etwa gleich groß. Wenn wir beide Kriterien kombinieren, erhöht sie sich, so dass wir eine bessere Prognose machen können, ob jemand das Studium schaffen und wie gut er dabei abschneiden wird“, erklärt Stegt.

Eine weitere Alternative ist der Studierfähigkeitstest der Bundesagentur, der ebenso von ITB Consulting entwickelt wurde. Hier handelt es sich nicht um einen Selbsttest. Stattdessen finden die Tests entweder in der Schule oder im berufspsychologischen Service der Arbeitsagentur statt. Dr. Nicolas Sander von der Arbeitsagentur erklärt: „Die Tests finden unter kontrollierten Bedingungen unter Anleitung durch qualifiziertes Personal statt und werden direkt vor Ort ausgewertet. In einem kurzen Rückmeldegespräch mit der Psychologin oder dem Psychologen bekommen die Interessierten dann Unterstützung bei der Einordnung und Interpretation der Testergebnisse, wobei auch biografische Besonderheiten der jeweiligen Testperson berücksichtigt werden“.

Auch Studieninteressierte, die bei einem Online-Selbsttest ein schlechtes Ergebnis erzielen, sollten nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Vielleicht müssen sie einfach nur ein bisschen mehr Energie investieren, um das Studium zu schaffen. Im Zweifelsfall lohnt sich für sie vielleicht der Besuch der Studienberatung an ihrer Wunschhochschule.

Studierfähigkeitstests - eine kleine Auswahl:

Fit4TU TU Braunschweig
Online Self Assessments TU Darmstadt
Selbsttest / Self Assessment TU Berlin
SelfAssessment international TU9
SelfAssessments RWTH Aachen
Studienwahl-Kompass Universität Stuttgart
BT-MINT ITB Consulting Demotest
Beratungstests Bundesagentur für Arbeit
Übersicht deutschsprachiger Online-Self-Assessments zur Studienorientierung

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